Anette K., Jahrgang 1963

Erfahrungsberichte: Myasthenia gravis

Im Sommer 1981, im Alter von 18 Jahren, kam es zum Krankheitsbeginn der MG, was jedoch zu der Zeit niemand erkannte. Zuerst waren nur die Beine, dann die Arme, der Rumpf und Nacken, danach das Kauen, Schlucken und Sehen betroffen. Später wurde die Sprache immer undeutlicher und die Mimik veränderte sich. Unzählige Diagnosen in 17Jahren von hysterischer Reaktion bis Muskelschwund oder MS, verbunden mit allen möglichen Klinikaufenthalten, Untersuchungen und Therapien brachten mich dahin, dass ich allmählich immer mehr den Glauben an die Schulmedizin verlor.

Erst 1998, als die Atemnot als neues Symptom hinzukam, entdeckte und diagnostizierte man die schwer generalisierte MG bei mir. Obwohl es mir wirklich dreckig ging, schöpfte ich neue Hoffnung, denn die MG kann man medikamentös behandeln. Etwa 1Jahr hielt die deutliche Stabilisierung durch das Mestinon, Cortison & Co an, danach war ich wieder denselben Schwankungen ausgesetzt wie vorher. Und was mich besonders stutzig gemacht hatte, war die Tatsache, dass ich trotz der Medikamente immer noch beim Laufen den Gehwagen brauchte.

Ich wurde zunehmend unzufriedener und misstrauischer. Mein Körper vertrug das Immunsupressiva immer schlechter und ich bekam es mit der Angst zu tun. Zu dieser Zeit habe ich Reiki, eine Form des Handauflegens gelernt. Nach einigen Monaten war mir klar, dass ich nur mit dem Schlucken von Tabletten, den Infusionen und der Krankengymnastik nicht weiterkomme. Das waren alles nur äußere Hilfen, aber es musste von innen her was geschehen.

Ich intensivierte mein Reiki, behandelte mich nun selber täglich oder wurde behandelt, und hatte dadurch ein ganz anderes Körpergefühl bekommen. Ich wurde ruhiger, konnte mich besser entspannen und gewann wieder neue Zuversicht, denn ICH konnte selber was tun. Schmerzen und Blockaden lernte ich damit zu lösen oder zumindest zu lindern und ich begann manche Zusammenhänge zwischen Körper-Geist und Seele zu begreifen. Ich wusste nun, dass der Schlüssel zur Heilung in mir drin ist, aber wie sollte/konnte ich ihn aktivieren?

Im Januar 2002 habe ich mich dann auf das Hilfsangebot einer Freundin, die ganzheitliche Beratungen macht und sich mit seelisch-geistigen Hintergründen von Krankheiten beschäftigt, eingelassen. Anfangs war ich schon sehr skeptisch, aber ich hatte ja nichts zu verlieren. Wir überlegten was die MG ist und sie mir mitzuteilen versucht.

Die MG ist eine Autoimmunerkrankung, also arbeitet mein Immunsystem gegen mich selber. Ich stehe mir also selber im Weg und bin ganz krass gesehen auf dem Selbstzerstörungstrip. Aber warum? Wir durchleuchteten den Beginn der Erkrankung und was zu der Zeit bei mir losgewesen war. Die körperlichen Symptome sahen wir als Wegweiser an, sie zeigten uns welche Themen bei mir zu bearbeiten waren.

* Mimik: verzerrtes Bild; Spannung wird nach außen getragen
* Kauen: alles zermalmen, bis ins allerkleinste zerpflücken
* Schlucken: etwas nicht schlucken können/wollen
* Atmung: sich selber unter Druck setzen; zu hohe Erwartungen an sich selber haben; sich selbst die Luft (Freiheit) nehmen
* Sprechen: nicht reden können/wollen
* Sehen: etwas nicht sehen können/wollen, eingeschränkte Sichtweise
* Nacken: Hartnäckigkeit, starre Haltung, will meinen Dickschädel durchsetzen
* Schultern: Last nicht tragen können/wollen
* Arme: Loslassen/Handeln, gutes festhalten – schlechtes loslassen
* Beine: mein Weg; stehe mir selber im Weg

Ich erkannte, dass mein damaliges Verhalten nicht dem entsprochen hatte, wie ich es eigentlich für mich gewünscht und gewollt hätte. Ich hatte mich stets angepasst, war immer hilfsbereit gewesen, meine Wünsche und Bedürfnisse hielt ich nie für so wichtig, dass sie es wert gewesen wären dafür einzustehen. Sie waren zweitrangig gewesen, alles und jeder erschien mir wichtiger als ich und meine Belange und so lebte ich meine Wünsche nie aus. Ich hatte mich, vor lauter Helfersyndrom und mir nur Gedanken um Sorgen und Probleme Anderer machend, an die letzte Stelle gesetzt und dabei ganz vergessen, wer ich bin und was ich wirklich will.

Ich konnte nämlich wunderbar zuhören, mich in die jeweilige Situation versetzen und merkte nicht, dass es mich total überforderte und mir Kraft entzog. Die möglichen Lösungen der Probleme und Sorgen anderer beschäftigte mich so sehr, dass ich gar nicht mitbekam, dass ich mich dabei selbst völlig übersah und vergaß. Eigene Probleme spielte ich lieber herunter und machte sie nur mit mir selber aus, ich fühlte mich ja stark genug. Aus falscher Rücksichtnahme hatte ich nie STOP oder NEIN gesagt, wenn es mir mal zuviel wurde, aus Angst den anderen zu verletzen oder Anerkennung verlieren zu können.

Vor lauter Anpassung hatte ich ganz verlernt zu mir und meinen Standpunkten zu stehen. Aggressionen jeglicher Art schluckte ich, weil ich niemanden verletzten wollte. Denn mein ganzes Denken und Handeln war ständig dadurch geprägt gewesen, was die Anderen vielleicht von mir denken oder erwarten könnten. Da ich ein sehr geringes Selbstbewusstsein gehabt hatte, war es mir besonders wichtig, dass man mich mochte. Um nicht Gefahr zu laufen diese Anerkennung zu verlieren, gab und verhielt ich mich so, wie ich glaubte, dass die Anderen mich haben wollten. Doch dadurch blieb mein wahres Naturell auf der Strecke.

Dieses Verhalten lief wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben, ich hatte diese Denk- und Verhaltensmuster schon als Kind gehabt. Sie deuteten auf einen mangelnden Selbstwert und Schuldgefühle (schlechtes Gewissen) hin.

Also hieß es für mich, dass ich mich von den alten Denkschemen und Verhaltensmustern trennen muss um wieder mein inneres Gleichgewicht zu finden. Im Einzelnen bedeutet das für mich, mich nicht mehr um die Probleme und Sorgen anderer zu kümmern. Ich darf sie mir anhören, muss aber die nötige Distanz dazu haben und darf mich nicht mehr davon runterziehen lassen. Ich darf anderen helfen, mich dabei aber nicht verausgaben und vergessen.

Ich muss klar erkennen, dass jeder sein eigenes Leben führt und eigene Entscheidungen treffen muss. Dass ich nur die Verantwortung für mich selber habe, auch NEIN sagen darf, ohne falsche Rücksichtnahme. Um mir meiner Wichtigkeit bewusst zu werden, muss ich einen gesunden Egoismus entwickeln und meine Wünsche und Bedürfnisse äußern, und auch NEIN sagen, ohne falsche Rücksicht zu nehmen.

Was mir immer noch nicht leicht fällt, ist mit Aggressionen richtig umzugehen. Ich bemühe mich aber sie an die richtige Adresse weiterzugeben, denn ich weiß, dass sie sich sonst wieder gegen mich selber richten und die Antikörper damit neues Futter haben. Und das will ich nicht mehr!

Das Wichtigste ist jedoch für mich, dass ich mir Zeit für mich selber nehme um zu erkennen, wer ich wirklich bin und was ich will. Da ich mich ja schon als kleines Kind angepasst hatte, konnte ich mich nicht so entwickeln und verwirklichen, wie es meinem wahren Naturell entspricht. Aber wie ist mein Naturell?

Ganz langsam taste ich mich heran. Außerdem nehme ich mir die Freiheit nur Dinge zu tun, die mir echte Freude bereiten. Ich versuche mir ganz bewusst meinen Tag so zu gestalten, dass ich eine Mischung aus Betriebsamkeit und Ruhe habe. Obwohl ich genau weiß, worauf es bei mir ankommt und wie wichtig es für mich ist es umzusetzen, gelingt es mir noch nicht immer.

Es ist nämlich nicht so einfach, wie es sich anhört oder scheint, sondern Schwerstarbeit, die sich am besten mit Humor und Engelsgeduld bewältigen lässt. Inzwischen habe ich aber auch kapiert, dass ich mir keinen Druck machen darf und ich Geduld mit mir selbst haben und liebevoll mit mir umgehen muss. Durch das Umsetzen meiner „Erkenntnisse“ merke ich eine langsame, aber stetige Steigerung der Kraft. Ich mache kleine, aber feine Fortschritte, es geht mit BABYSCHRITTEN in die richtige Richtung.

Meine Mimik und Sprache ist ganz anders geworden. Das Essen fällt mir leichter und der Schulter- und Nackenbereich ist merklich stabiler geworden. Ich kann, zwar immer noch den Gehwagen benutzend, leichter laufen und muss mir nicht mehr jeden Schritt zweimal überlegen. Es strengt mich bei weitem nicht mehr so sehr an wie früher.

Den sichtbaren Beweis meiner Fortschritte bekam ich Anfang Februar 02 von meinem Neurologen. Er meinte, meine Werte wären erstaunlich gut und ich solle unbedingt so weitermachen. Mittlerweile freut er sich alle 3Monate mit mir und bestätigt mit den neurologischen, sich weiter verbessernden Werten, mein Vorankommen. Er war anfangs nicht begeistert gewesen, dass ich sämtliche Immunsupressiva abgesetzt hatte und hatte Bedenken geäußert. Diese konnte ich ihm in den letzten Besuchen nehmen, da er nicht nur körperlich eine Veränderung bei mir bemerkt hatte.

Ich habe mich im Ganzen verändert, traue mich zu mir und meinen Standpunkten zu stehen und gehe bewusster und lebensbejahender durchs Leben. Im Rückblick kann ich nur sagen, dass mich alles ein Stück weitergebracht hat, ob nun auf körperlich, seelisch oder geistiger Ebene. Ich habe erfahren wo meine Stärken und Schwächen liegen. Bin davon überzeugt, dass auch diese Krankheit ihren Sinn hat, wie einfach alles im Leben. Ich bin nicht mehr so oberflächlich wie früher, freue mich über die kleinen Dinge des Lebens und genieße bewusst jeden Tag. Habe kapiert, dass es nicht auf Äußerlichkeiten ankommt sondern die inneren Werte zählen. Bemühe mich positiv zu denken und selbst in einer Krise das Positive zu sehen. Denn es handelt sich hierbei nur um eine Rückmeldung, dass irgendwas noch nicht stimmt. Und wenn ich mir ehrliche Mühe gebe, finde ich auch heraus an was es liegt.

Ich weiß heute, dass ich eine große Chance auf Genesung habe, wenn ich diesen Weg weitergehe. Was anfangs nur ein Wunsch oder leise Ahnung gewesen war, dass ich die MG knacken kann, ist mir mittlerweile zur Gewissheit geworden.