Gerd K., Jahrgang 1931

Erfahrungsberichte: Myasthenia gravis

Es begann bei mir im Juni 1999 nach einem Essen in Sankt-Peter-Ording. Bei der Verabschiedung hatte ich für einen ganz kurzen Moment meine Sprache nicht in der Gewalt.

Ich vergaß es auch bald. Dann Ende September hatte ich plötzlich Doppelbilder, da standen plötzlich zwei Fernseher übereinander.

Die Augenärztin konnte nichts finden. Sie überwies mich zum Neurologen, der den Sehnerv testen sollte. Auch kein Befund. Er schickte mich sicherheitshalber zum MRT, auch hier kein Befund.

Meinen Hausarzt ließ ich nicht in Ruhe. Er schickte mich zum Kardiologen, der einen Thrombus an der Herzspitze fand.Da hieß es dann ständig Blutverdünner einnehmen, nur die Doppelbilder blieben und es kamen allmählich Kaubeschwerden dazu. Als ich dann anfing zu näseln, überwies mich mein Hausarzt zum HNO, der mir kalte Halsumschläge und Eislutschen empfahl.

Das nützte nicht viel, es kamen langsam Schluckbeschwerden dazu und ich konnte kaum noch feste Nahrung zu mir nehmen.

In der Folgezeit bestand meine Ernährung nur noch aus Puddingsuppen und Hühnerbrühe. Meine Mahlzeiten mußte ich über der Spüle einnehmen, da ich mich nur noch verschluckte. So langsam bekam ich Angst vor jeder Mahlzeit und ich begann, sie zu verweigern.

Pfingsten 2000 war es sehr warm draußen. Ich lag frierend unter Decken auf der Chouch. Meiner Frau war meine Weigerung, in’s Krankenhaus zu gehen, unverständlich und sie rief den Notarzt. Da der nicht erreichbar war, rief sie die Rettung an, die mich sofort ins Krankenhaus brachte.

Die aufnehmende Ärztin tippte auf Schlaganfall, da ich weder schlucken noch ausspucken konnte. Sofort wurde ich auf die Intensivstation verlegt, bekam zur Ernährung eine Magensonde gelegt und alle paar Augenblicke den Bronchialschleim abgesogen.

Als die Ärzte nach einer Woche mit ihrem Latein am Ende waren, schlugen sie mir vor, mich nach Halle in die Uni-Klinik zu verlegen.

Das war mein Glück!

Mir wurden im Untersuchungraum ein paar Elektroden ins Gesicht geklebt, dann gab es ein paar unangenehme Stromstöße und der Computer zeichnete das Diagramm, nach dem der Oberarzt die Diagnose stellte: Myasthenia Gravis.

Er erklärte mir die Krankheit, auch, daß sie nicht heilbar sei. Man brachte mich mit Medikamenten, Decortin und Mestinon in zwei Wochen soweit, daß ich wieder essen konnte, ohne mich ständig zu verschlucken. Hin und wieder passierte es noch.

Zwei Wochen später wurde ich entlassen. Man begann, die Cortison-Dosen zu verringern und Imurek einzusetzen.

Sofort ging es mir wieder schlechter. Mein behandelnder Oberarzt entschied sich für Infusionen mit Polyglobin. Das war endlich das Richtige! Fünf Tage nacheinander bekam ich pro kg. Körpergewicht ein gr. Polyglobin, also täglich 900ml. Alle vier Wochen.

Zum Jahresende fühlte ich mich wieder richtig gesund und es hält bis heute an. Jetzt fahre ich alle sechs Wochen zur Infusion und bekomme nur noch einmal 35gr.= 350ml. Wenn dieser Oberarzt nicht gewesen wäre, wer weiß, was aus mir geworden wäre. Er hat mich nicht nur betreut, er hat mit mir zusammengearbeitet, auf vorbildlichste Weise.

Ich will seinen Namen nicht verschweigen: Es ist Dr. M. Kornhuber aus der Neurologischen Ambulanz in der Uni-Klinik Halle.

Leider habe ich durch die hohen Cortison-Gaben eine Diabetes bekommen. Dennoch bin ich jetzt sehr zufrieden.